Geografie und Genuss

Wie kommt man als eingefleischter Teetrinker zum Kaffee? Da gibt es ja interessante Geschichten von Engländern oder Ostfriesen, die fern der Heimat trotz aller Anstrengungen nicht mehr gewohnte das Tee-Erlebnis zelebrieren konnten. Genau wie der Engländer seine Tea-Time hat, trinkt man in Ostfriesland traditionell am Nachmittag seinen Tee. Natürlich auch zu anderen Tageszeiten, aber diese [...]

Wie kommt man als eingefleischter Teetrinker zum Kaffee? Da gibt es ja interessante Geschichten von Engländern oder Ostfriesen, die fern der Heimat trotz aller Anstrengungen nicht mehr gewohnte das Tee-Erlebnis zelebrieren konnten. Genau wie der Engländer seine Tea-Time hat, trinkt man in Ostfriesland traditionell am Nachmittag seinen Tee. Natürlich auch zu anderen Tageszeiten, aber diese Nachmittagsstunden sind ein wichtiges Ritual in den Häusern der Teetrinker. Ob es am Wasser liegt oder an der Zusammensetzung der Luft, der Tee schmeckt außerhalb von Ostfriesland nicht mehr so wie dort. Es ist ja eine Tatsache, dass zum Beispiel ausgewiesene Weintrinker, wenn sie nach Norddeutschland kommen, weniger bis gar keinen Wein mehr trinken mögen.

Die Seeluft hat eine völlig andere chemische Zusammensetzung als die Luft im Binnenland oder in Großstädten und Industriegebieten. Diese Komponenten wirken sich stark auf den Geschmack aus und da kann es durchaus passieren, dass die Wein trinkenden Urlauber an der Küste, den mitgebrachten Wein im Karton stehen lassen und sich dem friesisch herben Bier zuwenden. Ganz ähnlich ergeht es den eingefleischten Teetrinkern in anderen Regionen. Die gleiche Teesorte entfaltet nicht mehr den gleichen Geschmack wie in der Heimat und bewirkt somit ein völlig anderes Erlebnis. Das hat analog dem plötzlichen Bierkonsum der Weintrinker auch zur Folge, dass der eine oder andere Teetrinker beginnt, sich mit dem Kaffee anzufreunden und plötzlich entdeckt, dass damit ein ähnlich genussfreudiges Erlebnis verbunden sein kann, wie mit der guten Assam-Broken-Mischung aus dem Hause Thiele oder Bünting. Ist der Bann einmal gebrochen, lässt man sich auch auf das Kaffee-Angebot im Büro oder in der Kantine ein. Hat man vielleicht zunächst den Kaffeeautomat oder die Kaffeemaschine noch hochnäsig gemieden, so entwickelt sich im Laufe der ersten Wochen ein völlig neues Genuss-Erlebnis. Und fährt man wieder zurück in die ostfriesische Heimat, geschieht Erstaunliches – dort schmeckt der Tee dann wieder! Geografie und Genuss ist eine sehr interessante Wissenschaft – sie hätte einen eigenen Lehrstuhl verdient.

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